Mit einem blauen Auge davongekommen

SVG reißt Spiel bei Giesen Grizzlys aus dem Feuer

Was so ein emotionales Erlebnis Pokalfinale doch für eine Langzeitwirkung haben kann: Zwei quälend lange Sätze dauerte es, bis die LüneHünen eine Woche nach dem Event in Mannheim ins Tagesgeschäft Bundesliga zurückgefunden hatten, steuerten in Hildesheim gegen den TSV Giesen Grizzlys mit Riesenschritten auf eine bittere Pleite zu. Als es fast schon zu spät war, sendeten sie endlich deutliche Lebenszeichen und rissen ein Match noch aus dem Feuer, das längst verloren schien. Die fünf Sätze beim 3:2 (21:25, 22:25, 25:19, 25:15, 15:12) im Niedersachsen-Derby brachten dann letztlich auch mehr zwei gewonnene Punkte statt eines verschenkten Zählers. Denn durch das 0:3 von Frankfurt tags zuvor in Düren kann die SVG nun aus den ersten vier Plätzen – wichtig für die Playoffs – nur noch theoretisch verdrängt werden.

Trainer Stefan Hübner schickte eine durch Zuspieler Gijs von Solkema und Diagonalangreifer Jannik Pörner veränderte Starting Six aufs Feld. Die beiden enttäuschten zwar nicht, die erhoffte Wirkung hatten die Wechsel aber auch nicht. Denn einiges passte lange nicht, zumal Kellerkind Giesen seine Chance witterte, sich nach dem 3:0 am Freitag gegen VCO Berlin weitere Punkte für den Klassenerhalt zu sichern und vor 1888 Zuschauern wild entschlossen und mutig auftrumpfte.

 

Außenseiter sucht wild entschlossen seine Chance

Während Außenangreifer Jerome Clère, zweitbester Bundesliga-Scorer, wie schon im Hinspiel nur wenig bewirkte (11 Punkte), bekam die SVG den Diagonalen Michal Krisko (16 Punkte) lange überhaupt nicht in den Griff. Zudem punktete Mittelblocker Magloire Mayaula immer wieder mit Schnellangriffen und Blocks (15). So führten die LüneHünen nur bis zur Mitte des ersten Satzes stets knapp (11:10), ehe sich das Blatt wendete und die Hausherren schließlich von 17:16 auf 19:16 vorentscheidend wegzogen. Erste Einsätze für Adam Schriemer und Ryan Sclater änderten nichts mehr.

„Giesen hat uns in dieser Phase gut gelesen. So wurde es das befürchtet schwere Spiel, weil wir auch zwei Sätze brauchten, um uns emotional freizuschwimmen“, wollte der Sportliche Leiter Bernd Schlesinger die Nachwirkungen von Mannheim gar nicht bestreiten: „Das passiert aber eher unterbewusst. Und umso wichtiger ist nun das Endergebnis nach drei, wie ich finde, sehr dominanten und ordentlichen Sätzen.“

Durchgang zwei, wieder in der Anfangsformation, brachte einen ernüchternden 4:8-Rückstand für die SVG bei der ersten technischen Auszeit, weil bei Giesen nun auch Außen Antti Poikela heiß lief (9 Punkte) – während bei der SVG nur wenig lief. Die kämpfte sich zwar wieder heran (von 10:7 auf 11:10, machte aber auch zu viele leichte Fehler und wurde in Person des gerade eingewechselten Matthias Pompe, von Pörner und vom zurückgekommenen Sclater dreimal in kurzer Zeit geblockt – 18:12. Drei Asse von Noah Baxpöhler ließen beim 18:17 wieder Hoffnung, doch ab dem 21:20 vergrößerten die Grizzlys den Abstand wieder und gingen schließlich mit einer 2:0-Führung in die 10-Minuten-Pause.

 

In der 10-Minuten-Pause den Reset-Knopf gedrückt

Dort drückten die LüneHünen offenbar den Reset-Knopf. Nun mit Sclater und Schriemer von Beginn an, dazu auch dem zwischenzeitlich pausierenden Cody Kessel, hatte Trainer Hübner den richtigen Mix gefunden. Mehr und mehr fand sein Team, unermüdlich angefeuert von 70 mitgereisten Fans, den Rhythmus und verwandelte einen Zwei-Punkte-Rückstand (6:8) in eine Zwei-Punkte-Führung (12:10), bis zur zweiten technischen Auszeit sogar in einen Vier-Punkte-Vorsprung (16:12). Immer besser punkteten nun Baxpöhler (insgesamt 13) und Michel Schlien (12) in der Mitte und in der Crunchtime dann Sclater vorentscheidend viermal zum 23:18-Zwischenstand.

Die SVG war wieder im Spiel, und nun kam die große Show von Ray Szeto. Mit einer Serie von Aufschlägen mit Wirkung bereitete er das Feld für ein 8:0, war dann auch mehrmals per Pipe erfolgreich und wurde vom ebenso kaum mehr zu bremsenden Sclater bestens unterstützt. Sclater wurde schließlich noch bester Scorer (21) vor Szeto (19), Sclater zudem MVP. Und der Rest von Satz vier war Formsache – also Tiebreak. Sclater strahlte später: „Das hat großen Spaß gemacht. Ich bin so froh, dass ich dem Team im Gegensatz zu zuletzt wieder helfen konnte. Aber ich habe auch immer an das Team geglaubt – wir müssen einfach nur unser Spiel spielen und dabei Spaß haben.“

Den hatten die LüneHünen dann auch im Tiebreak, obwohl der wieder ausgeglichener wurde. Die Gäste lagen dabei ausgerechnet erstmals beim Seitenwechsel zurück (7:8), fingen sich aber, machten aus einem 8:9 ein 11:9 und gaben diese Führung nicht mehr her. Baxpöhler machte dann nach 123 Minuten Netto-Spielzeit mit einem Ass den Deckel drauf und ließ Coach Hübner tief durchschnaufen: „Das war wie befürchtet keine einfache Situation nach dem Pokalfinale. Ich wollte deshalb mit Personalwechseln Akzente setzen – das hatte nicht den erhofften Effekt. Später hat sich die Mannschaft dann gut ins Spiel reingearbeitet.“

Die SVG spielte mit: Baxpöhler, Schlien, van Solkema, Pörner, Szeto, Kessel, Koslowsky; eingewechselt: Schriemer, Sclater, Pompe.