Michel und Viktor blocken den Bundesliga-Topscorer Paulo Victor Costa da Silva

Nur etwas Glück, Coolness und Konsequenz fehlen

1:3 – LüneHünen belohnen sich bei Alpenvolleys nicht

Ein unglaubliches Match mit einem kaum zu glaubenden Satzergebnis in Durchgang drei als schmerzhaftem Wendepunkt: Die SVG Lüneburg schrieb zum Jahresende nicht nur noch einmal dicke Schlagzeilen, sondern trug sich trotz einer 1:3-Niederlage bei den Alpenvolleys Haching in die Geschichtsbücher ein. Denn der dritte Satz in diesem Verfolgerduell der Volleyball-Bundesliga endete 50:48 (ja, richtig gelesen…), allerdings leider für die Gastgeber, die sich mit dem 25:21, 24:26, 50:48, 25:22 näher an den Tabellenzweiten Friedrichshafen herankämpften. Den fast unbeugsamen LüneHünen blieb nur der Trost, bei diesem historischen Schlagabtausch einen großartigen Gegner abgegeben zu haben.

50:48 – das sind ja quasi zwei Sätze in einem. Das hat es in der Bundesliga noch nicht gegeben. Dort war der bisherige Rekord in einem Erstligaspiel aus dem Jahr 2000 zwischen dem ASV Dachau und Eintracht Meding mit einem 44:42 notiert. 50:48 – das dürfte selbst weltweit eine absolute Rarität sein. Europäisch gab es mindestens ein Match, das ein noch höheres Resultat brachte: ein 52:54 in Italiens Serie A zwischen Cuneo und Treviso am 13. Januar 2002 im zweiten Satz (Endstand 3:2 für Cuneo). Chefcoach Stefan Hübner und Co-Trainer Eugenio Dolfo, beide Intimkenner des italienischen Volleyballs, fanden es noch auf der Busfahrt zurück gen Heimat heraus.

Überraschende Personalwechsel fruchten

Was für ein unglaubliches Match über 136 Minuten Netto-Spielzeit, 55 allein in besagtem dritten Satz. Die SVG zeigte dabei von Beginn an, dass sie vor der Pause bis zum nächsten Spiel in Bühl am 15. Januar noch einmal alles raushauen und im dritten Versuch auch mal auswärts von den Alpenvolleys etwas mitbringen wollte. Schon keine Überraschung war es da mehr, dass Hübner mal wieder mit seiner Anfangsformation überraschte: darin standen kein Antti Ronkainen und Blake Scheerhoorn, sondern Michael Michelau und Jannik Pörner.

Und die kamen mit ihren Nebenleuten gleich gut ins Spiel, hielten den Eingangssatz vor 1150 Zuschauern lange offen, glichen in der Crunchtime sogar aus (21:21), um dann aber keinen Punkt mehr zu machen. Doch dieses 21:25 war ein erstes Achtungszeichen. Und da in Durchgang zwei im Gegensatz zu vorher die Fehlaufschläge ebenso wie unsaubere Blockaktionen (ins Aus gelenkte Bälle) gen Null tendierten, nahm die SVG trotz eines 1:4-Starts das Heft in die Hand und drehte das Ergebnis auf 5:4 für sich.

Die Führung der Gäste hielt (6:8, 15:16), dennoch überraschte Hübner erneut, als er den Zuspieler wechselte: Leo Durkin für Gijs van Solkema. Durkin machte seine Sache dann so gut, dass er am Ende als Silber-MVP ausgezeichnet wurde. Vom 17:17 zog den SVG auf 17:20 davon – wobei das 17:20 ein spektakulärer, einarmiger Monsterblock von Mike Michelau gegen Hachings Topscorer Costa da Silva war. Der US-Amerikaner zeigte eine in allen Belangen runde Leistung, war gegenüber seinen unglücklichen Kurzauftritten der Vorwochen nicht wiederzuerkennen: Topscorer mit 22 Punkten, 51% Angriffsquote, 3 Blocks, 59% positive Annahmen sowie auch druckvolle Aufschläge. „Ich versuche immer mein Bestes“, blieb er bescheiden. „Ich freue mich, dass ich der Mannschaft mal wieder richtig helfen konnte. Ich hatte eine gute Trainingswoche und auch ein sehr gutes Morgen-Training heute, habe mich danach sehr gut gefühlt.“

Das 17:20 im zweiten Satz geriet dann noch einmal kurz in Gefahr, als die Hausherren beim 23:23 gleichzogen und gar 24:23 in Führung gingen. Doch zwei Punkte von Viktor Lindberg und ein Block von Michel Schlien sorgte für das 1:1 insgesamt. Da schien sich eine reiche weihnachtliche Bescherung für die LüneHünen anzubahnen. Denn in Abschnitt drei führten sie schnell 6:3, später sogar lange mit 5-Punkte-Vorsprüngen (13:8, 16:11, 19:14). Was dann geschah, ließ Hübner später noch einmal so Revue passieren: „Wir haben etwas den Fokus verloren. Die Aufschläge waren, nicht nur wegen sich häufender Fehler, in der Phase nicht gut, die Blockaktionen waren öfter mal unsauber. Da fehlt uns auch noch Cleverness, Coolness und Konsequenz, um den Satz konsequent durchzuziehen.“

Epischer Marathon der beiderseitigen Satzbälle

Also machten die Alpenvolleys aus dem 14:19 aus ihrer Sicht ein 19:19, und alsbald begann der Marathon der Satzbälle beiderseits, der schließlich geschichtsträchtig endete. Erst hatten die LüneHünen bei hochklassigen, langen Ballwechseln und spektakulären Rettungsaktionen dabei lange die Nase vorn, dann wendete sich das Blatt und hatte Haching im Sideout Vorteile. Bis sich schließlich die Protagonisten ungläubig kopfschüttelnd, gequält lächelnd und ausgepumpt zu Satz vier am Netz gegenüberstanden.

„Wir hatten so viele Chancen“, blickte Michelau später auf diese Phase zurück, „es wäre so schön gewesen, mit einem Sieg in die Pause zu gehen, denn ich glaube, dass wir auch das Match gewonnen hätten, wenn dieser dritte Satz an uns gegangen wäre.“ So aber bekamen die Gastgeber neuen Rückenwind und spielten ihre international gestählte Routine aus. 8:6 und 16:13 hieß es zu den technischen Auszeiten, 21:17 dann in der Crunchtime. Die SVG bäumte sich nochmal auf (22:21), doch die Mannen um Zuspieler Daniel Koncal, MVP Hachings, gaben die Führung nicht mehr her.

„Bärenstarkes Team und bärenstarke Fans“ – dieses Lob gab es vom Hallensprecher in Unterhaching für die SVG. Die etwa 30 Fans, darunter 11 aus der großen Familie von US-Zuspieler Durkin auf einwöchigem Deutschland-Trip, legten dabei gegen die bayrisch-österreichische Übermacht wieder einmal einen beeindruckenden Support hin. Und Leo Durkin zog das Fazit eines denkwürdigen Abends: „Der dritte Satz hat uns viel Energie rausgezogen, nachdem die Jungs von der Aufschlaglinie so viel Courage gezeigt haben. Chancen genug, diesen Satz zu entscheiden waren da, dann hätten wir wohl auch das Match gewonnen. So ist es zwar hart, zu verlieren, aber Trübsal blasen müssen wir nicht. Wir haben einmal mehr gezeigt, dass wir den Topteams Paroli bieten können.“

Die SVG spielte mit: Lindberg, Schlien, Pörner, Michelau, Brehme, van Solkema, Koslowsky; eingewechselt: Durkin, Scheerhoorn, Ronkainen, Krage.