Leon Dervisaj lenkt jetzt die Angriffe der LüneHünen

Zuspieler kommt nach Durchbruch in Rottenburg

Nach einer starken Saison steht er im Notizbuch des Bundestrainers und trägt vielleicht schon in Kürze erstmals das Nationaltrikot, ab dem Spätsommer zieht er das Dress der SVG Lüneburg: Leon Dervisaj übernimmt die Schlüsselposition Zuspieler, die ja nach dem Weggang von Gijs van Solkema und Leo Durkin komplett neu zu besetzen war. Nachdem Hannes Gerken aus der 2. Mannschaft der SVG aufgerückt war, ist mit Dervisaj nun auch die klare Nummer 1 unter Vertrag.

Der vierte Neuzugang für die Saison 2020/21 mag noch nicht Jedem ein Begriff sein, Volleyball-Kenner aber wissen sehr wohl, dass die LüneHünen da unverhofft einen guten Griff tun konnten – unverhofft, weil sein bisheriger Verein TV Rottenburg überraschend keine Bundesliga-Lizenz mehr beantragte, Dervisaj damit plötzlich auf dem Transfermarkt war und die SVG kurz entschlossen Gespräche aufnahm und auf viel Gegenliebe bei dem 1,95-Meter-Mann stieß.

„Norddeutscher Jung“ mit interessanter Vita

„Ich habe schon vor vielen Jahren gedacht, dass es mega cool wäre, mal in Lüneburg zu spielen“, blickt der 23-Jährige auf seine norddeutsche Vergangenheit zurück. „Back to the roots sozusagen, ich bin ja in Oldenburg geboren und da lange aufgewachsen. Außerdem wohnen noch Tanten und Cousinen in Bremen“, erzählt der „norddeutsche Jung“ von den Anfängen, nachdem seine Eltern aus dem Kosovo ausgewandert waren. Als der Sohn zwölf Jahre alt war, ging es allerdings weiter in die Schweiz, Vater Bujar Dervisaj wurde Sportlicher Leiter der Talent School Aargau für Volleyballer. Diesen Nachwuchsstützpunkt leitet er bis heute, zwischendurch war er auch mal erfolgreich Chefcoach beim nahen Erstligisten Schönenwerd.

Dort begann auch Leon als 14-Jähriger mit Volleyball, spielte früh und bis 2018 im Männerbereich, in der Saison 2015/16 sogar zusammen mit dem Ex-LüneHünen Cody Kessel, der nun bei einem Telefonat nur Gutes zu berichten hatte. In Schönenwerd wurde Dervisaj Vizemeister und Pokalsieger, und er wurde sogar in der Junioren-Auswahl der Schweiz eingesetzt. „Aber nur zu Testspielen, kein offizieller Wettbewerb“, stellt er klar. Denn das hat auf seinen Nationalitäten-Status keinen Einfluss. Die Schweizer wollten ihn auch zum A-Nationalspieler machen, Dervisaj lehnte aber ab. „Mein Traum war immer, mal für Deutschland zu spielen, ich fühle mich als Deutscher.“

Einen anderen Traum erfüllte er sich 2018 mit dem Wechsel in die Bundesliga nach Herrsching. Hinter Konkurrent Johannes Tille bekam er auch viele Spielanteile, war in insgesamt 29 Matches inklusive Playoffs und Pokal auf dem Feld, aber nur einige Male in der Anfangsformation. Der Rechtshänder wurde 2019 von Rottenburg verpflichtet und wurde rasch unumstrittene Stammkraft, trotz des schon im Nationalteam erprobten Konkurrenten Jannis Hopt. Die starke Verbesserung des einstigen Punktelieferanten Rottenburg lag nicht zuletzt an Zuspieler Dervisaj, der in 16 von 20 Bundesligaspielen – auch beide Male gegen die LüneHünen – sowie allen drei Pokalauftritten in der Starting Six stand. Die Zeitschrift „Volleyball Magazin“, die am Saisonende stets die Besten in allen Kategorien kürt, setzte ihn bei den „Aufsteigern der Saison“ auf Platz 3 hinter Tobias Brand (Außen, Düren) und Tim Peter (Außen, Herrsching).

Und auch Bundestrainer Andrea Giani wurde auf Dervisaj aufmerksam. Der hatte ihn schon vor der Corona-Krise im Großaufgebot für die Aufgaben des Sommers, und nun beim Neustart auch im 22er-Kader, der sich am 3. Juli zu einem dreiwöchigen Lehrgang inklusive zweier Testspiele gegen Polen in Kienbaum trifft – nach Florian Krage und Konrad Thole mittlerweile schon der dritte aktuelle LüneHüne. Und mit Noah Baxpöhler (Frankfurt) und Anton Brehme (Berlin) sind ja noch zwei Ex-SVGer dabei.

Vor Umzug nach Lüneburg erst noch zum Nationalteam

Da zeichnet sich die Erfüllung des nächsten Traumes für den (Fern-)Studenten im Sportbusiness-Management ab. Vielleicht reicht es ja schon zu einem Einsatz gegen den amtierenden Weltmeister für Dervisaj, der sich derzeit noch bei den Eltern in der Schweiz aufhält. „Ich will nicht nur bei der Nationalmannschaft alles geben. Ich will als Spieler immer weiterkommen, dadurch helfe ich auch dem Team. Die SVG ist für mich ein Schritt nach vorne. Ich freue mich schon, auch auf die Fans – hoffentlich in einer möglichst vollen Halle.“

Auch Chefcoach Stefan Hübner freut sich auf den neuen Regisseur: „Ein spannender Spieler, der hat Drive, einen guten Spirit auf dem Feld. Er ist auch in den sogenannten Zweit-Qualitäten sehr gut, in diesem Fall also Block und Aufschlag. Und er ist sehr aggressiv bei den zweiten Bällen.“ Diese Qualität stellt auch Dervisaj selbst, gefragt nach seinen Stärken, heraus: „Ich glaube, mich zeichnet Spielwitz aus, ich mache gerne Überraschendes, verwandele zum Beispiel gerne mal einen zweiten Ball zu einem Punkt.“ Dass er bei der SVG als klare Nummer 1 auf der Position gilt, ist klar, aber: „Das muss ich erstmal mit Leistung bestätigen“, will er sich nicht auf den Vorschusslorbeeren ausruhen. Denn: „Es gehört als Zuspieler auch dazu, ein Führungsspieler zu sein. In diese Rolle will ich hineinwachsen.“