Michel Schlien (r.) erwartet das Zuspiel von Hannes Gerken

Energieleistung rettet den LüneHünen noch einen Punkt

Brüchige Heimfestung – aber 0:2 noch wettgemacht

Die einstige Heimfestung bröckelt schon in der Anfangsphase der neuen Saison, wird sogar von früheren „Lieblingsgegnern“ immer öfter eingenommen – nach Bühl in der letzten Woche nun auch von den Netzhoppers KW-Bestensee. 3:2 hatten die Brandenburger in der Saison 2014/15 zum bisher einzigen Mal in der Gellersenhalle gewonnen, dieses Ergebnis wiederholten sie nun. Nach 136 spannenden, teils dramatischen Minuten retteten die LüneHünen bei diesem 2:3 (23:25, 18:25, 25:18, 26:24, 14:16) nach einem 0:2-Rückstand aber immerhin noch einen, verdienten Punkt.

Am späten Freitagabend hatten sich die SVG-Verantwortlichen entschlossen, angesichts der in der sich verschärfenden Corona-Krise nun auch vor der Haustür steigenden Inzidienzzahlen einen freiwilligen Lockdown zu vollziehen und ohne Zuschauer zu spielen. Die noch rasch informierten Kartenkäufer konnten zuhause bleiben und den Live-Stream verfolgen. Die Rückabwicklung der Tickets ist selbstverständlich und läuft automatisch über Ticketmaster. Erst nur noch wenige Zuschauer in einer abgekühlten Gellersenhölle, nun gar keine mehr, dazu wackelt die Festung – es wird Zeit, dass der näher rückende Umzug in die neue Arena nach der Saison dann endlich vollzogen wird…

Allmählich im Angriff den Rhythmus verloren

Gegen die Netzhoppers kam die SVG – obwohl Chefcoach Stefan Hübner auf die gleiche Startformation setzte – mal nicht gleich in einen fulminanten Lauf wie in den Spielen davor gegen Frankfurt und Bühl, als sie den ersten Satz jeweils klar gewonnen hatte. Vielmehr legten die Gäste vor (6:8, 12:14), doch es blieb ein ausgeglichener Schlagabtausch. Bis zur zweiten technischen Auszeit wendete die SVG das Blatt (16:15), KW konterte aber vorentscheidend (16:19, dann 18:23), vor allem weil der Diagonale Johannes Mönnich einen Glanztag erwischte. 8 seiner insgesamt 25 Punkte machte er in diesem Satz.

Durchgang zwei schien noch enger zu werden, hin und her ging es: 3:5, 8:7, 11:12, 16:15. Und dann riss der Faden. Die Brandenburger stellten erst auf 16:18 und zogen dann auf 17:24 davon. Außer Mönnich drehte nun auch der Este Karli Allik im Außenangriff auf (6 von insgesamt 19 Punkten), die SVG wirkte zu oft nicht entschlossen und energisch genug. „Da hatten wir im Angriff nicht mehr so einen guten Rhythmus wie vorher. Im ersten Satz haben wir den Gegner gut kontrolliert und hätten eigentlich gewinnen müssen. Nun war es eher umgekehrt,“ blickte Hübner zurück.

0:2 stand es also, der Trainer steuerte mit einem Wechsel des Zuspielers, von Leon Dervisaj zu Hannes Gerken, entgegen. Auch Viktor Lindberg war längst schon für Konrad Thole auf dem Feld. Und die beiden, im Zusammenwirken mit den schon zuvor konstant punktenden Jordan Ewert und Jannik Pörner, sorgten für neue Hoffnung vor der Geisterkulisse, die die etwa 20 ehrenamtlichen Helfer des Vereins unverdrossen mit Anfeuerung bekämpften. Die LüneHünen legten ein 8:4, garniert mit zwei Assen von Gerken, vor, hielten diese Führung dank auch guter Vorlagen des Zuspielers sicher, bis Gerken wieder an der Aufschlaglinie stand und noch zwei Asse folgen ließ – 19:13, die Vorentscheidung in diesem Satz. „Hannes hat nicht nur gut und mutig aufgeschlagen, er hat auch für einen guten Rhythmuswechsel gesorgt“, lobte ihn sein Trainer zurecht.

In Abschnitt vier sollte es dann legendär werden. Die Gäste wollten die Entscheidung, die SVG hielt dagegen, wieder wechselten die Führungen: 6:8, 10:9, 11:13. Ewert & Co. mussten sich jeden Punkt hart erkämpfen und blieben dran (18:19), doch dann zeichnete sich ein Ende des Matches ab, als Allik eine Aufschlagserie mit u.a. drei Assen am Stück hinlegte – 18:24. Keiner gab mehr einen Pfifferling auf die Hausherren, Allik haute den nächsten ins Netz, bei der SVG kamen nochmal Dervisaj und Richard Peemüller, Ewert ging zum Service, Ass. Seinem nächsten Aufschlag folgte eine Mega-Rallye, Peemüller verkürzte auf 21:24. Beim 24:24 waren sechs Matchbälle abgewehrt, Ewert haute noch ein Ass raus und Florian Krage machte dann mit einem Schnellangriff den Satz zu – 26:24 und der nicht mehr für möglich gehaltene Tiebreak. „So etwas in so einer Phase habe selbst ich noch nicht oft erlebt, das war ein krasser Moment, Riesen-Kompliment an die Mannschaft“, ordnete Hübner das ungewöhnliche Geschehen ein.

Sechs Matchbälle abgewehrt und Tiebreak erzwungen

Der Tiebreak begann aber denkbar schlecht für die SVG (1:5), doch der Kampfgeist war längst nicht gebrochen. Beim 7:8 wurden noch einmal die Seiten gewechselt, beim 12:12 hatten die Gastgeber den Gleichstand hergestellt, beim 13:13 kam noch einmal das Gespann Peemüller/Dervisaj. Doch dieses Mal ging der Schachzug nicht auf, einen weiteren Matchball konnte die SVG abwehren, der überragende Mönnich stellte auf 14:15, Peemüller setzte seinen Ball zum 14:16 ins Aus, Schluss. MVP bei den LüneHünen wurde Gerken, die besten Scorer waren Ewert (22), Pörner (17) und Lindberg (13). Bester Scorer der Gäste – und MVP – war Mönnich (25) vor Allik (19) und Theo Timmermann (17).

Erneut war Hübner in seinem Fazit weit davon entfernt, sein junges Team zu kritisch zu sehen: „Wir müssen natürlich weiter viel arbeiten und zum Beispiel cleverer und cooler werden. Aber ich habe auch wieder ganz viel Positives gesehen und bin erstmal sehr zufrieden. Das Spiel hätte ebenso gut anders herum ausgehen können.“

SVG: Ewert, Schlien, Pörner, Thole, Krage, Dervisaj, Koslowsky; eingewechselt: Solbrig, Lindberg, Peemüller, Gerken.