
Das Duell der Finalisten schon im Achtelfinale
Friedrichshafens neues Team wird eine enorm hohe Pokal-Hürde
In diesen Tagen sind Erinnerungen an großartige Momente der Vereinsgeschichte wieder ganz präsent bei den Fans der SVG Lüneburg: das Finale im Zoi DVV-Pokal 2026 am 28. Februar in Mannheim, Gewinn des so lange herbeigesehnten ersten großen Titels, 3:2 gegen den VfB Friedrichshafen. An diesem Sonntag, 19 Uhr (live bei Dyn), kommt es zur Neuauflage. Im Achtelfinale des diesjährigen Wettbewerbs müssen die LüneHünen am Bodensee antreten.
Eigentlich wäre dieses Match das Auswärtsspiel mit der größten Entfernung von daheim. Doch die Lüneburger haben sich Reisestrapazen erspart und blieben nach dem Sieg in Freiburg im Süden, am Olympia-Stützpunkt Heidelberg. „Das spart Energie“, stellt Co-Trainer Tyler Koslowsky den Vorteil einer nur vierstündigen Anfahrt am Sonnabend heraus.
Die Mannschaft weiß die reisefreie Zeit zu nutzen: “Die Jungs sind viel zusammen, machen Spaziergänge, manche spielen Karten. Manche nutzen das auch für Extra-Video-Sitzungen. Und es gab auch einen Team-Videoabend mit einem Sportfilm.” Im Training geht’s darum, die Eindrücke aus den jüngsten Spielen zu bearbeiten. “Da gibt es überall noch kleine Baustellen”, so „TK”. “Da arbeiten wir etwas bewusster dran. Ansonsten wollen wir im Training Impulse durch Spielformen setzen, also etwa mal zehn Punkte in Folge holen …”
Und die Stimmung? “Es sind alle bereit für das Spiel, aber auch etwas aufgeregt. Das liegt vor allem daran, dass ja nicht so oft zwei Spitzenmannschaften schon im Achtelfinale aufeinander treffen. Ansonsten haben wir nicht so viel darüber geredet. Santi, Shane und die Jungs vom letzten Jahr kennen das ja. Aber manche neuen Spieler haben nochmal gefragt, was der DVV-Pokal eigentlich ist …”, erzählt Koslowsky schmunzelnd.
Der Cupverteidiger steht unzweifelhaft vor einer enorm hohen Hürde, will ein frühes Straucheln verhindern. Die Süddeutschen sind motiviert, formulierten schon vor gut acht Monaten das Ziel, in dieser Saison einen neuen Anlauf aufs oberste Treppchen zu nehmen. Beim Ligacup in Hildesheim gab es im Oktober schon ein erstes Kräftemessen, im Spiel um Platz 3 setzten sich die Häfler mit 3:2 durch. Wobei beide Kontrahenten nach verpasstem Endspiel aber nicht in Bestbesetzung aufliefen.
Nur ein Quartett ist geblieben
Ohnehin haben sich seit dem Pokalfinale beide Teams verändert. Besonders bei den Süddeutschen gehört kaum noch ein Akteur des damaligen Kaders zum aktuellen Aufgebot. Drei aus der Starting Six plus ein Einwechselspieler sind es genau genommen: Der nicht eingesetzte Jung-Libero Lucas Huckle, Diagonalangreifer Parker van Buren (USA), Außen Jonas van Huizen (Kanada), Mittelblocker Gustavo Maciel (Argentinien) und mit Kurzauftritten Außen Simon Kohn, der in diesem Sommer sein Nationalmannschafts-Debüt feierte. Der zog sich aber am Mittwoch beim Match in Berlin eine Kapselverletzung zu, musste ausgewechselt werden und fällt drei Wochen aus.
Der Rest ist neu. Dabei kommen die Zugänge von mehreren Kontinenten und sind fast durchweg namhaft, beinahe wie in alten Zeiten. Der spektakulärste ist wohl Alexis Wilson Velázquez (kurz: Wilson), im Mittelblock neuer Nebenmann des Argentiniers Gustavo Maciel. Der Kubaner Wilson (22), zuletzt in Thailand und davor schon in der Türkei und China unter Vertrag, sicherte sich in diesem Sommer nicht nur einen Stammplatz im Nationalteam in der VNL, sondern hatte anschließend noch mit starken Leistungen großen Anteil an der vorzeitigen Olympia-Qualifikation 2028. Die weiteren Neuzugänge:
German Gomez: Im argentinischen Nationalteam hatte der 23-Jährige im Sommer starke Auftritte als Diagonaler, absolvierte in der VNL und der Südamerika-Meisterschaft alle 17 Spiele – beim VfB läuft er wie einst in der Heimat als Außen auf. In Europa wechselte er aber die Position, sowohl in Frankreich (Montpellier) als auch zuletzt in Spanien (Teruel). Da auch Parker van Buren in der letzten Saison auf beiden Positionen spielte, hat der Coach einige Variations-Möglichkeiten.
Pierre Toledo: Der Franzose ist besonders einem LüneHünen bekannt: Shane Holdaway spielte mit dem Diagonalangreifer zusammen bei Chaumont VB – 2024/25 auch gegen die SVG in der Champions League. Der 26-Jährige bringt aus vier Jahren dort viel Erfahrung aus der Königsklasse und auch aus dem CEV Cup mit und sicherte sich schnell einen Stammplatz – zum Leidwesen von van Buren.
Joris Berkhout: Nach einer guten Saison in Düren hat sich der Zuspieler (27) inzwischen auch als klare Nummer 1 auf seiner Position im Nationalteam etabliert, ist dort auch Kapitän. Am Bodensee hat er schnell den serbischen Ex-Kapitän Aleksa Batak als Schlüsselfigur vergessen lassen.
Ruben Lorente Camacho: Auch Berkhouts Konkurrent ist Nationalspieler, in Spanien aber nur die Nummer 3 und in diesem Sommer mit wenig Einsatzzeit. Seinen letzten Verein Manacor (Mallorca) führte der 28-Jährige zum ersten Pokalsieg der Vereinsgeschichte und war zwei Jahre lang ein herausragender Regisseur.
Oskar Berg Mikkelsen: Mit stattlicher Größe von 2,17 Metern kämpft der Däne um einen Platz im Mittelblock. Der 22-Jährige spielte zuletzt in der US-Collegeliga für die „Ramblers“ an der Loyola University in Chicago. Und im Nationalteam hatte er einige Kurzeinsätze in der Europaliga und bei der EM.
Stefan Kokeza: Der junge serbische Mittelblocker (22) war in seinem Heimatverein Novi Sad, aus der Jugend ins Team gewachsen, ein Leistungsträger bei der Vizemeisterschaft in der letzten Saison, hat zudem erste Erfahrungen im Nationalteam gesammelt (VNL und EM), wenn auch mit wenig Einsatzzeit.
Sam Flowerday: Der Australier (24) kommt vom serbischen Pokalsieger Spartak Subotica, war Leistungsträger und spielte im Sommer für seine Nationalmannschaft beim Nations Cup und bei der Meisterschaft im Bereich Asien/Ozeanien – meist mit Kurzeinsätzen. Beim VfB wohl Außenangreifer Nummer 4.
Mateusz Czunkiewicz: Der polnische Routinier (demnächst 30) wurde – auf seiner ersten Auslandsstation – Nachfolger vom deutschen Nationalteam-Libero Lenny Graven. Insgesamt elf Saisons (261 Einsätze) spielte er in der PlusLiga, allerdings nie für ein Spitzenteam, was auch sein letzter Verein Kedzierzyn-Kozle seit ein paar Jahren nicht mehr ist. Aber sein Trainer und Landsmann Adam Swaczyna schätzt ihn als einen der besten Annahme-Spezialisten und als Führungsspieler. Folglich wurde er auch neuer Kapitän.
Vereins-Ikonen des VfB unterstützen Chefcoach
Interessant ist zudem, dass sich beim VfB neben dem spielenden Personal auch im Trainerstab einiges tat. Chefcoach Swaczyna verlängerte seinen Vertrag vorzeitig um drei Jahre im sicheren Gefühl, am Bodensee noch nicht fertig zu sein mit seiner Arbeit. Und der Pole bekommt Unterstützung durch zwei Vereins-Ikonen: die oftmaligen deutschen Ex-Nationalspieler Simon Tischer und Bogdan Jalowietzki. Sie sollen sich gezielt um die Zuspieler und Mittelblocker kümmern und ihre immense Erfahrung weitergeben.
Der frühere Kapitän und Zuspieler Tischer (44) gewann mit dem VfB u. a. die Champions League und ist zweimaliger Olympia-Teilnehmer. Seit einigen Jahren ist er zudem Jugendtrainer und Vorsitzender des Beirats der Volleyball GmbH. Jalowietzki (58) war u. a. als Mittelblocker Zweiter der Königsklasse und nach dem Karriereende von 2005 bis 2025 Co-Trainer der 2. Mannschaft, den YoungStars. „In welcher Form wir unterstützen, werden wir eng mit Adam Swaczyna abstimmen – aber nicht jeden Tag im Training und nicht während der Spiele auf der Bank“, stellte Tischer zwar klar. Dennoch unterstreicht diese Hilfe die VfB-Ambitionen.
Sie soll letztlich auch dazu führen, dass die Häfler endlich mal wieder einen Titelgewinn feiern wollen. Denn das letzte Mal ist lange her. Der (immer noch) deutsche Rekord-Pokalsieger holte den Cup, seinen 17., letztmals 2022, die letzte Meisterschaft (2015) liegt sogar noch länger zurück.
(hre/gm)