
Kein Grund, Köpfe hängen zu lassen
Berlin hat vorgelegt – nicht mehr und nicht weniger
Der 0:1-Rückstand in der Playoff-Serie um die Deutsche Meisterschaft ist ärgerlich, hat aber bei der SVG Lüneburg nicht für Selbstzweifel gesorgt. Er hat eher eine Trotzreaktion ausgelöst, es nun am Sonnabend (18 Uhr) in Spiel zwei bei den Berlin Recycling Volleys besser zu machen. Eine große Fan-Schar wird die LüneHünen dabei in der Max-Schmeling-Halle gewohnt lautstark gegen erwartet 6000 Zuschauer/-innen unterstützen. Tausende werden in der Heimat beim Streaming auf Dyn mitfiebern, dazu werden wohl wieder zahlreiche neutrale Interessierte die Daumen drücken, dass eine Wachablösung des Titelverteidigers möglich bleibt.
Immer wieder war in den letzten Wochen aus dem SVG-Lager zu hören, wie gerne das Team auch außerhalb des Feldes zusammen ist und selbst bei den größten Unbillen Spaß zusammen hat, wie bei der strapaziösen Rückreise aus Piacenza oder vorher auch aus Poitiers. Viele Stunden gemeinsam unterwegs haben eher noch enger zusammengeschweißt als auf die Nerven zu gehen. Und satt durch die schon eingesammelten Medaillen – Gold als deutscher Pokalsieger, Silber im CEV Cup, mindestens Silber in der Bundesliga – ist die Mannschaft ohnehin noch nicht. Motto: Wir wollen diese Volleyballsaison bis zum Ende auskosten. Das wäre bis zum letzten Match der „Best-of-5“-Serie am 13. Mai.
Die schnelle Chance, es besser zu machen
Den Auftakt haben sich alle anders vorgestellt. „Vorteil der Playoffs ist aber, dass man in kurzer Zeit mehrmals gegen den gleichen Gegner spielt und damit schnell die Chance bekommt, etwas besser zu machen als beim letzten Mal. Also: abhaken, weiter geht’s“, blickte Chefcoach Stefan Hübner nach dem 1:3 am Mittwoch schon schnell wieder nach vorne. Der Aufschlag war, gerade für ein Match in eigener Halle, ungewohnt schlecht, die sonstigen Elemente aber durchaus o.k. – wenn auch beim Gegner besser. Aber die Berliner können nicht jedes Mal so einen Sahnetag mit so wenigen Fehlern erwischen.
„Wir müssen jetzt im Training nur am Fein-Tuning arbeiten. Denn auch wir haben Qualität, müssen die nur konstant zeigen“, befand Hübner. In der Tat müssen die Mannen um den neuen Kapitän Santeri Välimaa (in Abwesenheit von Jesse Elser) von Beginn an voll da sein. Zuletzt waren sie erst in Satz 3 richtig in der Finalserie angekommen, blockten dann selbst erfolgreich, statt geblockt zu werden, hatten insgesamt mehr Block-Touches – auch gegen den überragenden Jake Hanes – und sammelten in Annahme und Feldabwehr mehr Bälle ein und brachten Berlins gut organisierte Abwehr richtig ins Schwitzen.
Berlin wiegt sich nicht in Sicherheit
Dass die SVG auch über mehr als ein bis zwei Sätze besser spielen kann, wissen auch die Berliner und wiegen sich deshalb noch nicht in Sicherheit. „Wahrscheinlich müssen wir in dieser Serie noch besser spielen als in Lüneburg, um erfolgreich zu sein“, meint zum Beispiel Zuspieler Fedor Ivanov. Und der routinierte Ex-Nationalspieler Daniel Malescha (32), hinter Hanes die Nummer 2, urteilt: „Ich erwarte das nächste hochklassige Spiel. Man sieht in diesem Duell sofort, wenn eine Mannschaft ein bisschen nachlässt. Es wird erneut eine Aufschlag- und Sideout-Schlacht.“
Dass der Serienmeister nach durchwachsener Saison überhaupt wieder an diesem Punkt angekommen und in Topform ist, liegt wesentlich am seit eineinhalb Wochen amtierenden neuen Cheftrainer Markus Steuerwald (37). „Er strahlt Ruhe und Gelassenheit aus und hat das auf die Mannschaft übertragen. Er hat ja in seiner Spielerkarriere auch alles erlebt“, lobte Berlins Macher Kaweh Niroomand den Ex-Libero in der LKH-Arena im Dyn-Interview. Und er sparte auch nicht mit Anerkennung für den Gegner, für das Projekt SVG, was in der Feststellung gipfelte: „Das ist hier ja keine Eintagsfliege, das ist etwas auch für die Zukunft.“
Mit einem SVG-Sieg ist alles wieder offen
Diese Einschätzung wird viele Volleyballfans bundesweit, die sich Abwechslung im Titelkampf wünschen, freuen. Zunächst einmal geht es aber nun am Wochenende um die nahe Zukunft. Ohne Frage steht die SVG nach der Auftaktniederlage unter Zugzwang, eine Niederlage nun auch in der Hauptstadt und damit ein 0:2 dürfte wohl kaum noch aufzuholen sein. Der Sportliche Leiter Bernd Schlesinger sah jedenfalls am Mittwoch keinen Grund, die Köpfe hängen zu lassen: „Die Jungs waren selbst unzufrieden, das war deutlich in den Gesichtern abzulesen. Ich bin gespannt, wie schnell die Lernkurve zu sehen ist – wir fahren jedenfalls nach Berlin, um dort wieder neu anzugreifen.“
Dabei muss die SVG auch weiterhin ohne Jesse Elser und Axel Larsen (Fingerbruch) auskommen. Um ohne diese beiden im Notfall mehr Optionen im Außenangriff zu haben, vervollständigten schon zuletzt Jannek Metzler aus der U20-Mannschaft, schon im letzten Sommer oft Trainingsgast, und Libero-Youngster Joris Backhaus als Außenangreifer den Kader. Das hat der 18-Jährige, immerhin 1,92 Meter groß, auch beim VCO und in der Junioren-Nationalmannschaft schon gespielt und hatte auf dieser Position in den Tagen vor dem ersten Finalmatch intensiv trainiert.
(hre)